Der Zyklus als psychiatrisches Vitalzeichen?
Kürzlich ist im angesehenen British Medical Journal ein Artikel erschienen, in dem sich die Autor*innen Katie, Thomas, Stephanie und Ellen eindrücklich für eine stärkere Berücksichtigung des Menstruationszyklus in der Psychiatrie und Psychotherapie einsetzen.
Bisher wird dieser im psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltag nämlich nicht routinemäßig miterfasst. Durch Studienergebnisse untermauert, betonen die Autor*innen, dass der Menstruationszyklus ein signifikanter und beeinflussbarer Risikofaktor für weibliche Patient*innen sein kann.
Was hat der Menstruationszyklus denn in der psychischen Versorgung zu suchen?
Alltagsnah beantwortet der Artikel diese Frage mit dem Zitat einer Patientin, die Erlebnisse ihrer psychotischen Symptome im Verlauf ihres Menstruationszyklus bemerkt:
"Ich glaube, dass ich vor meinen Perioden immer negative emotionale Veränderungen hatte, obwohl ich es nicht bemerkte, da es „mein Normalzustand“ war. Als bei mir Psychose und später Schizophrenie diagnostiziert wurden, setzte sich dies fort. Ich bin ziemlich sicher, dass die drei Male, in denen ich ins Krankenhaus eingewiesen wurde, kurz vor Beginn einer Periode lagen. Ich weiß, dass meine Periode bevorsteht, wenn ich frühmorgens aufwache; dieser Schlafmangel ist dann mit sogenannten „Kernsymptomen“ verbunden, bei denen ich sehe, wie Linien auf dem Bürgersteig sich bewegen und die Welt heller und lauter erscheint. Ich werde um diese Zeit auch gereizt und kann in Gedankenmustern mehr „feststecken“. Mein Gehirn scheint in dieser Zeit auf eine andere Weise verbunden zu sein, mit mehr „Aha!“-Momenten, wenn ich Verbindungen sehe, die rückblickend jedoch nicht da sind."
Dieser Erfahrungsbericht beschreibt einen Risikofaktor, der als perimenstruelle Exazerbation bekannt ist. Ergebnisse vieler Studien deuten darauf hin, dass die Zeit kurz vor und kurz nach dem Einsetzen der Menstruationsblutung (d.h. perimenstruell) mit einer Verschlechterung der Symptome einer bestehenden (d.h. Exazerbation) einhergehen kann.
Die Autor*innen tragen Befunde zusammen, die nahelegen, dass eine perimenstruelle Exazerbation...
- bei psychotischen Störungen, die bipolare Störung, Depression, Panikstörungen, Essstörungen und die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vorliegen kann.
- auch einen erhöhten Konsum von Alkohol und Nikotin begünstigen kann.
- auch bei körperlichen Erkrankungen wie Epilepsie, Migräne und Asthma auftreten kann.
Überblick über die Nützlichkeit von zyklusinformierter Praxis
- Pat. hat ggf. eine vorherige Diagnose der Prämenstruellen Dysphorischen Störung
- Pat. erlebt ggf. eine perimenstruelle Verschlechterung einer zugrundeliegenden psychischen Störung
- Pat. erlebt ggf. herausfordernde oder belastende körperliche Symptome in Bezug auf die Menstruation oder Menopause, die die psychische Gesundheit beeinflussen
- Verständnis über Grund der Symptome kann Selbstvorwürfe reduzieren
- Pat. kann von der Anerkennung psychosozialer Herausforderungen und des mit Menstruation und Wechseljahren verbundenen Stigmas profitieren
Pat. benötigt möglicherweise praktische Unterstützung beim Zugang zu Hygieneprodukten, insbesondere bei Armut oder einem Krankenhausaufenthalt
Pat. kann von Tipps zur Optimierung des Lebensstils für prämenstruelle oder perimenopausale Symptome profitieren
Die Phase des Menstruationszyklus könnte in Pläne zur Suizidprävention und Rückfallprävention einbezogen werden
Pat. kann von Behandlungen zur Reduktion von Schwankungen der weiblichen Geschlechtshormone profitieren
Pat. benötigt möglicherweise weitere Untersuchungen oder Behandlungen bei anormaler Uterusblutungen
- Pat. plant möglicherweise eine Schwangerschaft und macht sich Sorgen über die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit (eine bisherige PMDS kann bspw. das Risiko einer Postpartalen Depression erhöhen)
- Pat. nähert sich möglicherweise den Wechseljahren und sorgt sich über die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit
Aufruf zum Nachfragen
Mit seiner deutlichen Haltung ist der Artikel ein kleiner Leuchtturm für alle, die sich für das Thema Frauengesundheit interessieren. Im letzten Abschnitt, wird noch mal deutlich:
Ein erster Schritt besteht darin, kurz nach den Auswirkungen des Menstruationszyklus zu fragen. Diese Frage kann wertvolle Hinweise für die Diagnose, Rückfallprävention, Prognose und Interventionen liefern. Die Würde der Patient*innen wird dadurch gestärkt, indem der Zyklus anerkannt und als normales Thema etabliert wird.
Ich persönlich würde noch hinzufügen, dass auch die Frage nach Fehlgeburten oder den Umständen von durchgemachten Geburten gefragt werden sollte. Auch diese können wichtige und schmerzliche Ereignisse darstellen, nach denen Frauen allzu selten gefragt werden.
Zu guter Letzt kann ich mich dem Schlusssatz des Artikels nur anschließen:
Liebe Behandler*innen,
hier ist unser Call to Action, um den Menstruationszyklus in die psychotherapeutische/psychiatrische Ausbildung, Forschung und Praxis zu bringen!
Ich bin auf jeden Fall dabei, du auch?
Sophia
Marwick, K. F., Reilly, T. J., Allan, S., & Golightly, E. (2025). The menstrual cycle: an overlooked vital sign in psychiatry?. BMJ mental health, 28(1).